Blutiger Wein

(ein Abenteuer von Philipp Koch)

Drückend warm und schwül lag der Herbst auf dem Almadaner Hinterland. Die Blätter der Weinstöcke, die sich landauf, landab die Hügel hinaufzogen, waren blutrot gefärbt. Es war die Zeit der Weinlese und der Feste zu Ehren der Göttin Rahja, dass sie dem Wein ihren Segen schenken möge. Es war die Zeit für Gaukler, Suff und Freudentänze.

Auch in Horaskrug war es nicht anders. Nahe einer wichtigen Verkehrsstraße lag das kleine Dorf, umringt von Hängen, die dicht mit Wein bepflanzt waren. Der von hier stammende Gelbwein, der Savanginger, gilt als einer der besten Weine Aventuriens. Hergestellt wurde der Wein von den Familien D’Artuna und Amhila, deren Anwesen über dem Dorf in den Weinbergen liegen. Das Dorf ist sehr klein. Neben einer Schenke, vier Bauernhäuser, dem Haus des Büttels und einen Krämerladen gab es eine Reihe kleiner Hütten, in denen Arbeiter wohnten, die sich bei einem der beiden Weingüter verdingten. Auf dem zentralen Platz, um den sich fast alle Häuser des Dorfes gruppierten, stand ein prächtiger Brunnen, der von einer rahjagefälligen Pferdestatue bekrönt wurde.

***

Mit fürchterlichen Kopfschmerzen wachte ich auf. Als ich die Augen öffnete, erschrak ich. Neben mir lag ein fremder, nackter Mann. Schnell stand ich auf und zog mich an.

Als ich das Zimmer verließ, merkte ich, dass ich mich in der Herberge befand, in der auch Hagen und ich ein Zimmer hatten. Das Zimmer fand ich auch schnell. Als ich die Tür öffnete, hoffte ich, dass Hagen noch schnarchend im Bett lag.

Da seid ihr ja, Janda, begrüßte mich Hagen, der sich eben anzog. Ich hatte euch schon vermisst und wollte eben auf die Suche nach euch aufbrechen.

Ich streckte mich: Ich muss gestern Abend wohl zu viel getrunken haben und bin unter einem Baum eingeschlafen. Das war nicht sehr bequem. Mein Rücken schmerzt fürchterlich, log ich. Und das ist nicht das Einzige, was schmerzt.

Ja, mir geht es auch so. Ich habe furchtbare Kopfschmerzen, antwortete mir Hagen. Als trinkerfahrene Thorwalerin ist euch doch bestimmt ein Gegenmittel gegen so einen Werwolf (=aventurische Bezeichnung für Kater) bekannt?

Ich kenne sogar ein sehr gutes Gegenmittel, entgegnete ich: Weitertrinken!

Wir verließen unser Zimmer und gingen in die Gaststube, um zu frühstücken.

***

In der Schankstube herrschte schon reges Treiben. Einige der Festgäste, Weinhändler und angereiste Geweihte, sowie die Gauklertruppe, die am Vorabend für Unterhaltung sorgte, waren schon wach und nahmen ihr Frühstück ein. Auch der Winzer Rodrigo Amhila und seine Frau waren darunter. Sie hatten es wohl nicht mehr nachhause geschafft. Alle sahen sehr mitgenommen aus, auch der Schankwirt, der zu uns trat.

Was für eine Nacht. Unser Savanginger ist ja ein hervorragender Tropfen, aber so einen Brummschädel hat er noch nie bei mir zurückgelassen. Ihr schaut aber auch recht mitgenommen aus, stellte der Wirt fest. Setzt euch, ich habe genau das richtige für euch.

Kurz darauf kam der Wirt zurück, stellte uns einen Laib Brot auf den Tisch, etwas Käse und Obst. Dazu bekam jeder von uns einen Kelch mit dem örtlichen Gelbwein, der für das ganze Drama verantwortlich war. Ich konnte mich nicht mehr an viel vom vergangenen Abend erinnern, aber irgendwie schmeckte der Wein da anders. Hagen war auch meiner Meinung.

Plötzlich trat der örtliche Büttel in die Schankstube, begleitet von zwei Dorfbewohnern. Sie näherten sich dem Winzer Rodrigo: Es tut mir leid, alter Freund, aber ich muss dich verhaften.

Mich verhaften? Wieso Balduran, antwortete verdutzt Rodrigo, ich habe nichts getan.

Eslam D’Artuna ist ermordet worden. Es ist bekannt, dass zwischen euren Familien seit langer Zeit Streitigkeiten bestehen. Deswegen seid ihr mein Hauptverdächtiger, erklärte der Büttel. Nun macht mir keine Schwierigkeiten und kommt mit zu meiner Wachstube.

Bei den Zwölfen! Ich habe nichts Unrechtes getan, beteuerte der Beschuldigte.

Trotzdem griffen die beiden Dorfbewohner nach ihm und zerrten ihn aus der Schankstube. Die Anwesenden begannen zu raunen und sich über das Vorgefallene zu unterhalten. Nachdem der Büttel Amhila abgeführt hatte, kam seine Frau Adwa an unserem Tisch.

Verzeiht, aber ihr erzähltet uns letzte Nacht von euren Heldentaten, begann die Frau zu sprechen. Ich glaube meinem Mann und an seine Unschuld, auch wenn ich mich nur noch bruchstückhaft an letzte Nacht erinnern kann. Unser Büttel Balduran ist ein guter Mann, aber meist sehr bequem. Deswegen glaube ich, dass er den Mord nicht angemessen untersuchen wird. Wollt ihr euch der Aufklärung des Mordes annehmen? Egal, was ihr herausfindet, ich werde es jeden von euch mit zehn Dukaten vergüten und für eure Unkosten aufkommen.

Gerne nehmen wir den Auftrag an, verkündete Hagen. Erzählt uns von eurem Mann und zu seinem Verhältnis zu den Toten. Wir hörten von einen altem Familienstreit?

Die alte Geschichte, meinte sie. Es ist wohl unvermeidlich, dass ich die euch erzähle. Noch zu Zeiten von Kaiser Hal stellte man in unserem kleinen Dorf nur einen Wein her, den man gerade so noch genießen konnte, obwohl diese Gegend für ihren vorzüglichen Wein bekannt ist. Das änderte sich über Nacht zum Weinfest im Jahr 990 BF. Der Gelbwein, den unsere Familien, neben unseren gewöhnlichen Wein, anboten, erregte die Gemüter. Einen Monat später kam sogar ein Geweihter der Rahja, um sich selbst von der Qualität des Getränks zu überzeugen.

Einige Monate zuvor tauchte ein Alchimist im Dorf auf. Er zeigte unsere Familien, wie man die Reben des Weines besser verarbeiten kann. Das Ergebnis war berauschend. In den folgenden Jahren stellten unsere Familien ihre Produktion ganz auf den Savanginger Wein um. Dieser erfreute sich seitdem in den Palästen der Handelsherren, Könige und Kaisern hohe Beliebtheit. Gerade für ältere Jahrgänge werden unvorstellbare Preise gezahlt. Unsere Familien wurden schnell sehr wohlhabend. Seit über vierzig Jahren herrscht nun aber ein Zwist zwischen uns. Manchmal kommt es auch zu gewalttätigen oder unschönen Szenen. Aber warum das der Fall ist, kann ich euch nicht sagen. Immer wieder kommt es zu Reibereien. Der Alchimist verschwand irgendwann. Niemand weiß, wo er hinging. Vielleicht wieder zurück zu seiner Familie.

So richtige Feinde hatte Eslam meines Wissens nach hier nicht. Die Anwesende beim Fest sind alles gute Kunden. Die hätten auch keine Vorteile, wenn er stirbt. Falls ihr weitere Fragen habt, könnt ihr meine Kinder und mich gerne auf unserem Weingut besuchen, schloss Adwa ihren Bericht ab.

***

Während Hagen den Büttel Balduran aufsuchte, blieb ich in der Schankstube und befragte die anderen Gäste. Die Weinhändler kamen schon seit mehreren Jahren zum Fest und kannten beide Winzer. Sie wussten von der Streitigkeit zwischen den Familien, aber die Gründe dafür waren ihnen nicht bekannt. Rodrigo würden sie als zurückhaltender und grundehrlichen Kerl kennen, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Eigentlich konnten sie es sich nicht vorstellen, dass er Eslam ermordet hatte, aber wer soll es denn sonst gewesen sein? Es wäre ja alles furchtbar spannend, doch wären die Weinhändler froh, wenn sie Horaskrug verlassen konnten, denn es warten wichtige Geschäfte auf sie.

Auch die Gaukler, die am Vorabend aufgetreten waren, haben nichts Besonderes beobachtet. Die Tänzerin Tsanigunde, eine gutaussehende schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren, der Musiker Phexian, mit seinen verträumten blauen Augen, und der Hügelzwerg und Jongleur Romborosch, auf dessen Kopf eine Narrenkappe mit Schellen thronte, nahmen zum ersten Mal an dem Weinfest teil und kannten niemanden der Dorfbewohner. Umso später der Abend wurde, umso vager wurde die Erinnerungen der Gaukler. Auch sie haben sich ausgiebig dem Weingenuss hingegeben. Angeheuert wurden sie von Eslam D’Artuna für das Fest. Warum sollten ausgerechnet sie ihren Geldgeber beseitigen?

Unter dem Wein litten auch die anderen Besucher des Fests. Keiner der von mir befragten Einwohner von Horaskrug konnte sich erinnern, dass der Gelbwein jemals eine solche berauschende Wirkung hervorgerufen hatte. Der Wirt öffnete auch ein neues Fass des Weins und dieser war wesentlich milder. Vielleicht sollte ich die Rückstände des Weins untersuchen lassen. Ich bat den Wirt, mir die Reste aufzuheben.

Der Streit zwischen den D’Artunas und Amhilas scheint schon lange anzudauern und niemand im Dorf weiß mehr, was der eigentliche Grund dafür war. Wobei sich einige sicher sind, dass es mit ihrem Gelbwein zu tun hat. Wahrscheinlich hatten sie einen Pakt mit einem Dämon geschlossen, um ihren Wein so gutzumachen. Jedenfalls ist der Streit zwischen beiden in der letzten Zeit viel schlimmer geworden. Vor Kurzem kam es zu einer richtigen Auseinandersetzung zwischen ihnen. Vielleicht war der Auslöser ja, dass sich Arturo D’Artuna heimlich mit Emer Amhila, die beiden ältesten Kinder der Familien, trifft. Der ermordete Eslam konnte ein jähzorniger Mann sein. Angeblich laufen Rodrigos Geschäfte derzeit nicht so gut. Deswegen könnte er versuchen, seinen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Andere meinten aber, dass Rodrigo Amhila ein guter Kerl ist, der keiner Fliege etwas antun könnte. Im Wald hinter den Weinbergen, wo Eslam gefunden wurde, spukt es. Wahrscheinlich wurde er Opfer einer Hexe oder eines Schwarzmagiers.

Das Sammeln von Informationen erwies sich als schwierig. Es wurde wild spekuliert und es gab kaum handfeste Indizien, zu entdecken. Nachdem ich meine Befragungen abgeschlossen hatte, machte ich mich auf dem Weg zum Haus des Büttels, um mich mit Hagen zu treffen.

***

Auf der Straße griffen plötzlich zwei Hände von hinten an meine Hüfte und eine mir unbekannte Stimme flüsterte mir ins Ohr: Lange habe ich darauf gewartet. Endlich sind wir wieder zusammen.

Ich drehte mich um und stieß mit meiner Hand den Mann von mir zurück. Mir stand mein Bettgefährte der letzten Nacht gegenüber. Ein vollbärtiger Mann, etwa dreißig Jahre alt, in blauer Kleidung, mit einem breitkrempigen Hut, an dem eine Hahnenfeder hing, stand mir gegenüber.

Letzte Nacht wart ihr nicht so abweisend, antwortete er enttäuscht.

Was letzte Nacht geschah, hat keine Bedeutung. Ich war nicht mehr Herrin über meine Sinne, vom Wein berauscht. Außerdem kann ich mich an nichts mehr erinnern, antwortete ich ihn. Wer seid ihr überhaupt?

Hübsche Frau, mein Name ist Junker Jagold, reisender Adliger aus dem Horasreich, stellte er sich vor. Ich bin auch ein Freund guten Weines, deswegen habe ich das Fest gestern besucht. Es ist ein Jammer, dass ihr euch nicht mehr an letzte Nacht erinnern könnt. Aber wir können gerne die Erinnerung daran auffrischen?

Als er dies sagte, ging er einige Schritte auf mich zu. Ich lief rückwärts nach hinten, um den Abstand zwischen uns einzuhalten: Ich habe kein Interesse daran. Außerdem habe ich derzeit anderes zu tun. Ich versuche, einen Mord aufzuklären. Könnt ihr mir sagen, wo ihr euch letzte Nacht aufgehalten habt?

Das wisst ihr doch ganz genau, antwortete er mir. Wir beide waren die ganze Nacht zusammen. Erst haben wir getanzt, danach seid ihr mir in meine Kammer gefolgt. Ihr wollt wirklich nicht eure Erinnerungen auffrischen?

Ich habe kein Interesse, antwortete ich dem aufdringlichen Junker.

Wie schade. Ihr wisst nicht, was euch entgeht, entgegnete er mir lächelnd. Der Junker drehte sich um und verschwand in die entgegen liegende Gasse.

***

Balduran, der Dorfbüttel wollte erst keine Hilfe bei der Morduntersuchung haben. Es lag doch auf der Hand, dass Rodrigo Amhila der Mörder sei, denn wer sollte sonst noch Interesse daran gehabt haben. Rodrigo befand sich derzeit im Hühnerstall von Balduran, an einem Balken gefesselt. Hagen konnte Balduran aber überzeugen, trotzdem nach Spuren zu suchen.

Zuerst sahen wir uns die Leiche von Eslam D’Artuna an. Anscheinend wurde er mit einem Mengbilar ermordet, einem langen Dolch, mit eingebauten Giftkanal. Eine nicht gerade gebräuchliche Waffe für diese Gegend. Die Waffe musste auch tatsächlich vergiftet gewesen sein. Vermutlich mit Kelmon, ein pflanzliches Waffengift, das Lähmungen hervorrufen kann. Eslam wurde von hinten erstochen. Auf seinen Rücken fanden wir mehrere Einstiche. Die Wunden wiesen deutliche Verätzungen, wohl durch das Gift herbeigeführt, auf.

Danach führte uns Balduran, mit einem Gehilfen, zum Fundort der Leiche in den Weinbergen. Dem Fundort nach war d’Artuna auf dem Weg nachhause. Jeder, der ihm aus dem Gasthaus verfolgt hat oder auf seine Rückkehr gewartet hätte, könnte ihn an dieser Stelle abpassen. Außerdem hat sich der Mörder sehr dumm angestellt, denn auf dem Untergrund hat er viele Spuren hinterlassen. Ganz deutlich konnte man die Abdrücke seiner Lederstiefel erkennen. Allerdings verloren sich diese nach einigen Metern. Der Gehilfe maß die Größe der Abdrücke und malte das Profil der Stiefel ab.

Hagen merkte, dass wir beobachtet wurden. Er stürzte ins Gebüsch, um den Beobachter zu stellen. Doch dieser konnte entkommen. Ich erkannte den Junker Jargold. Er hatte uns beobachtet. Noch erzählte ich Hagen nichts von meiner Begegnung mit ihm.

Wir gingen ins Dorf zurück und suchten Rodrigo im Hühnerstall auf. Seine Stiefel waren deutlich kleiner und auch das Profil stimmte nicht mit dem der Spuren überein. Das war der Beweis für die Unschuld Rodrigos. Er bedankte sich herzlich bei uns und lud uns zu sich zum Abendessen ein. Wir waren bereits von seiner Frau eingeladen, was wir ihm auch erzählten. Er freute sich auf unsere Gesellschaft am Abend.

***

Da wir noch etwas Zeit hatten, besuchten wir die Familie des Opfers. Die aufgebrachte Witwe Hedwiga D’Artuna empfing uns. Ihre beiden Kinder Arturo und die jüngere Ilisandra waren ebenfalls anwesend. Alle drei waren gutaussehende Menschen mit weizenmehlfarbenden Haaren.

Dieser Mistkerl hat garantiert meinen Mann umgebracht, wütete Hedwiga. Es musste ja so kommen. Vor einigen Tagen hatte er Eslam in aller Öffentlichkeit angegriffen.

Wieso hat er das gemacht, fragte Hagen nach.

Er ist neidisch auf unseren Erfolg, versuchte Ilisandra zu erklären. Alle sind neidisch auf unserem Erfolg. Jeder neidet unseren Wohlstand. Außerdem sagt man, dass es mit seinen Geschäften nicht mehr so gut läuft. Deswegen will er, dass wir keinen Wein mehr verkaufen.

Der Wein letzte Nacht hat so komisch geschmeckt. Rodrigio hat den bestimmt vergiftet, damit sich niemand mehr erinnern kann, was passierte, schimpfte die Witwe.

Wir haben den Ort, an dem euer Mann ermordet wurde, untersucht, erzählte ich. Wir fanden dort Fußabdrücke. Diese waren aber viel zu groß. Sie stammen nicht von Rodrigio.

Dann hat er eben einen Mörder beauftragt, platzte es aus der Tochter heraus.

Woher kommt der Hass auf die Amhilas, fragte Hagen.

Das war schon immer so und wird sich auch nie ändern, meinte Hedwiga.

***

Außer Beschimpfungen und Anschuldigungen konnte man von Hedwiga und ihrer Tochter nichts erfahren. Ihr Sohn Arturo hielt sich aber sehr zurück. Als wir uns verabschiedeten, bat ich Arturo uns zur Haustür zu begleiten. Als wir mit ihm allein waren, sprach ich ihn an: Arturo, ihr wart so ruhig. Wie ist denn eure Sicht der Vorkommnisse?

Zögerlich antwortete er: Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass Rodrigo meinem Vater ermordet hat. Er hat keinen Grund dafür. Die Geschichte mit den schlecht laufenden Geschäften ist Blödsinn. Die Amhilas verkaufen ihren Wein genauso gut wie wir unseren.

Worum geht es in dem Streit zwischen euren Familien, fragte Hagen.

Ich habe keine Ahnung. Aber der Streit zwischen uns ist nichts anderes als Unsinn, meinte Arturo. Niemand weiß mehr, worum es geht. Mein Großvater meinte mal zu mir, dass er sich gerne wieder mit den Amhilas vertragen würde. Der alte Amhila und mein Großvater wurden immer reicher, aber trotz des wachsenden Wohlstands wurden beide immer unglücklicher. Ich wünschte, dieser verdammte Streit würde endlich enden.

Im Dorf sagt man, dass ihr euch mit Emer Amhila trefft, sagte ich. Ist das auch ein Grund, warum ihr möchtet, dass der Streit zu Ende geht?

Ich liebe Emer, gestand Arturo. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, ist es so, als würde die Praiosscheibe erneut aufgehen. Aber ihr habt meine Mutter und meine Schwester erlebt. Mein Vater war nicht anders. Emer und ich würden hier nie glücklich werden. Bitte helft uns. Ich möchte mit Emer von hier flüchten und woanders ein glückliches Leben führen.

Junge, es wird alles gut werden, versprach Hagen und klopfte Arturo auf die Schulter. Um die Vorhersage meines Freundes zu bestätigen, blinzelte ich lächelnd Arturo zum Abschied zu.

***

Wir mussten uns beeilen, um rechtzeitig zum Abendessen bei der Familie Amhila zu sein. Zur Feier seiner Freilassung tischte Rodrigo groß auf. An der Tafel saß seine Frau Adwa, seine Tochter Emer und die beiden Jungen Brin und Raidri. Neben deftigen Essen gab es auch einen leckeren herben Wein. Seine Diener schenkten uns fleißig nach, sobald die Kelche leer wurden.

Ist das der gleiche Wein, den es gestern auch bei dem Fest gab, wollte ich wissen.

Ja, das ist unsere aktuelle Lese und die wird jedes Jahr besser, schwärmte Rodrigo.

Der gestern schmeckte aber anders. Meint ihr, der war vergiftet, fragte ich weiter.

Ja, der war wesentlich stärker. Gut möglich, dass da jemand etwas hinein gemischt hat. Wenn man noch Reste von dem Wein hat, könnte man diesen untersuchen. Vielleicht findet man ja was, überlegte das Familienoberhaupt.

Der Wirt hat mir versprochen, die Reste des Weins aufzuheben, erzählte ich. Man könnte den also durchaus noch untersuchen.

Das ist sehr gut. Ich werde mich morgen darum kümmern, versicherte Rodrigo.

Stimmt es, dass ihr euch heimlich mit Arturo D’Artuna trefft, fragte Hagen die Tochter des Hauses.

Das geht euch wirklich nichts an, antwortete Emer darauf, errötete und sah nach unten. Ihre beiden Brüder kicherten.

Ihr habt sicher von meinem Streit mit Eslam gehört, erzählte Rodrigo. Da ging es um unsere Kinder. Ich bat ihn, diesen dämlichen Streit zwischen unseren Familien endlich zu beenden, damit unsere Kinder glücklich miteinander leben könnten. Eslam wurde wütend. Er meinte, sein Sohn würde sich niemals mit der Tochter eines Versagers wie mir abgeben und wurde dann handgreiflich.

Was haltet ihr von dem Streit zwischen euren Familien, wollte ich wissen.

Mein Vater, begann Rodrigo, hat mir am Sterbebett gesagt, ich soll den Streit begraben. Es würde nur um ihn und den alten D’Artuna gehen. Was zum Streit führte, wollte er mir aber nicht verraten. Aber es muss etwas Schlimmes gewesen sein. Er hatte alle Zwölfgötter um Vergebung gebeten.

Meint ihr, Arturo hat seinen Vater umgebracht, weil er seiner Beziehung mit eurer Tochter im Weg stand, fragte Hagen.

Das ist eine Unverschämtheit, brauste Emer auf. Mein Arturo ist kein Mörder!

Sie stand auf und verließ das Zimmer. Rodrigo rief ihr nach: Emer, komm zurück!

Lass sie, beschwichtigte Adwa ihren Mann.

Dürfen wir nun auch den Tisch verlassen, fragte einer der Söhne.

Ja, Radri. Brin und du dürfen jetzt auch gehen, erlaubte die Mutter. Die Erwachsene blieben noch eine Weile am Tisch sitzen, speisten Obst und tranken den leckeren Wein.

***

Es klopfte laut an unserer Tür: Herr von Greifenfurt! Frau Frejasottir! Büttel Balduran schickt mich!

Trotz des Weins waren wir nicht so sehr mitgenommen, wie am Morgen zuvor. Hagen quälte sich aus dem Bett und ging an die Tür: Was wollt ihr?

Büttel Balduran schickt mich, antwortete der Mann vor der Tür. Ich soll euch sofort zu ihm bringen.

Wir kommen gleich, antwortete Hagen und schloss die Tür. Wir zogen uns so schnell wie es ging an und folgten dann den Boten. Unterwegs erzählte er, dass Büttel Balduran uns bei den Weinbergen der Amhila erwarten würde. Dort wurde die Leiche von Rodrigo gefunden. Wir waren schockiert.

Der Tatort ähnelte dem vom Vortag. Wieder fand man Fußspuren von Lederstiefeln. Die gleiche Größe, das gleiche Profil. Auch die benutzte Waffe war wohl die gleiche. Wieder wurde ein Mengbilar-Dolch benutzt.

Diesmal ist es aber eine klare Sache, meinte Balduran. Er hatte eine Narrenschelle zwischen den Fingern. Diese war neben der Leiche gefunden worden.

***

Sofort wurden die drei Gaukler verhaftet. Alle drei wurden an dem Balken in Baldurans Hühnerstall festgebunden. Lautstark beteuerten die Drei ihre Unschuld. An der Narrenkappe des Zwerges Romborosch fehlte auch keine Schelle. Keiner der Gaukler trug Stiefel, alle hatten Halbschuhe an. Auch die Schuhgröße schien nicht zu passen. Wieder einmal verliefen alle Spuren im Nichts. Balduran wollte von unseren Zweifeln an der Schuld der Gaukler nichts hören. Er wollte endlich seine Mordserie lösen. Trotzdem durchsuchten Hagen und ich den Wohnwagen der Gaukler, um ihre Unschuld zu beweisen oder Nachweise für ihre Schuld zu finden.

Aber der Gauklerkarren enthielt nur allerlei Tand. In einem Schrank fanden wir ein Geheimfach. Dort fanden wir aber nur einige Briefe mit belanglosem Inhalt. Es gab keinen Hinweis darauf, dass die Gaukler mit den Morden zu tun hätten.

Als wir den Gauklerkarren verließen, erwartete uns Junker Jagold: Na, habt ihr die Mörder endlich gefunden?

Wir sind auf einer heißen Spur, log Hagen.

Das freut uns ehrenhafte Bürger, antwortete dieser und ging seines Weges.

Janda, fragte Hagen mich, ist euch das auch aufgefallen?

***

Ich ging zur Theke und ließ mir vom Wirt eine Karaffe, gefüllt mit Wein geben. Ich vereinbarte mit ihm, dass er auf mein Zuwinken hin, eine volle Karaffe zu meinem Tisch bringen sollte. Dann ging ich zu dem Tisch, an dem Junker Jagold saß und nahm neben ihm auf der Bank Platz.

Jetzt, wo der Mörder gefunden ist, fühle ich mich wesentlich entspannter. Gebt ihr mir noch eine Gelegenheit, euch näher kennenzulernen, bat ich Jagold.

Schöne Frauen, wie ihr eine seid, bekommen immer eine Chance bei mir, entgegnete mir breit lächelnd Jagold. Ich schenkte uns beiden Wein aus der Karaffe ein.

Umso mehr Wein wir tranken, umso schwieriger wurde es, dafür zu sorgen, dass der Junker seine Hände von mir fernhielt. Wieder einmal griff seine Hand nach meinem Busen. Ich konnte sie rechtzeitig abfangen und führte sie auf die Tischplatte. Während ich über seinen Handrücken streichelte, hauchte ich ihm zu: Nehmt doch noch einen Schluck von diesem leckeren Wein.

Lieber würde ich eure Lippen kosten, antwortete er mir. Seine gespitzten Lippen näherten sich meinem Mund. Rechtzeitig führte ich den Kelch an den Mund und trank. Da Jagold mich nicht küssen konnte, nahm er auch einen Schluck vom Wein.

Wie lange brauchen die beiden denn noch, dachte ich mir. Bei unserem letzten Zusammentreffen fiel Hagen und mir auf, dass der Junker Lederstiefel trug. Auch die Größe schien zu den gefundenen Spuren zu passen. Balduran und Hagen sollten sein Zimmer nach weiteren Beweisen durchsuchen, während ich ihn in der Schankstube ablenkte. Für meinem Geschmack brauchten die Beiden viel zu viel Zeit.

Janda, kommt mit mir. Ich bin bald ein reicher Mann, versprach mir der Junker.

Ich legte meine Hand auf seinen Oberschenkel: Erzählt mir mehr.

Ich heiße in Wirklichkeit Familo Calaventra, gestand mein künftiger Liebhaber. Einer meiner Vorfahren war ein reisender Alchemist und half den Weinpfuschern hier, diesen edlen Saft zu gewinnen. In einer Truhe meines Vorfahren fand ich neulich einen Vertrag zwischen ihn und den beiden Pfuschern. Ich wollte den Vertrag an die Erben verkaufen, aber sie haben mich vom Hof geprügelt. Jetzt habe ich sie umgebracht. Und ich werde sie bedrohen, noch mehr von ihnen umzubringen, wenn sie mir kein Geld geben. Sie hängen an ihr Leben und werden zahlen. Viel Geld. Davon kaufe ich uns ein Landhaus im Horasreich und wir beide, Janda, können uns dort lieben bis an das Ende unserer Tage.

Familio beugte sich über mich und unternahm erneut einen Versuch, mich zu küssen. Ich rückte weg von ihm. Es ging nicht mehr weiter weg. Ich spürte die Wand an meinem Rücken. Seine Lippen kamen näher.

Das erklärt auch, warum wir das hier in eurem Zimmer gefunden haben, ertönte eine Stimme.

Familio ließ von mir ab. Hagen und Balduran standen vor unserem Tisch. Hagen, der gesprochen hatte, hielt einen Mengbilar-Dolch in der Hand. Familo wollte aufstehen und flüchten, doch ich legte meine Arme um ihn. Aber ich hielt ihn nur so lange fest, bis Balduran ihn gefesselt hatte.

***

Familio Calaventra war tatsächlich einer der Nachfahren des Alchemisten, der den beiden Winzern beibrachte, wie sie ihre Reben besser verarbeiten konnten. Hätte er einen anderen Weg, als den des hinterhältigen Mordes gesucht, wäre es bestimmt möglich gewesen, ihm zu dem Anteil zu verhelfen, der ihn zustand. Doch Familio ging zu ungeschickt vor. Es kam außerdem heraus, dass er wegen Spielschulden von Kopfgeldjägern gesucht wurde. Balduran konnte sich durch die Auslieferung von Familio noch etwas Geld nebenbei verdienen.

Hagen und ich blieben noch einige Tage in Horaskrug. Es stand ein großes Ereignis bevor. Arturo D’Artuna ging mit Emer Amhila den Traviabund ein. Wieder wurde ein großes Fest gefeiert. Die Gauklertruppe, die unter Mordverdacht stand, durfte auf dieser Feier für die Belustigung der Gäste sorgen und wurde großzügig dafür entlohnt. Arturos Mutter und Schwester waren nicht sehr erfreut über die Hochzeit. Kurz danach verließen beide Horaskrug. Arturo sorgte dafür, dass sie ein regelmäßiges Einkommen hatten und auf keine Annehmlichkeit verzichten mussten. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich wieder Kopfschmerzen. Es war doch zu viel Wein gewesen. Als ich die Augen öffnete, lag aber diesmal Hagen neben mir im Bett. Ich schloss meine Augen wieder und versuchte, weiterzuschlafen.


Janda Frejasdottir

Janda Frejasdottir ist eine Bardin aus Thorwal. Sie war es Leid, nur die Lieder zu singen, die jeder bereits kennt. Deswegen begab sie sich auf eine Reise, um ihre eigenen Abenteuer zu erleben. Unterwegs traf sie auf dem Noriker-Krieger Hagen von Greifenfurt, mit dem sie nun gemeinsam durch Aventurien reist, um Abenteuer zu erleben und neue Lieder zu schreiben.

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