Drei Farben Schnee

(ein Abenteuer von Niklas Forreiter)

Wieder einmal waren wir im Bornland unterwegs. Die Bronnjarin Janne von Tritzow hatte uns angeworben, sie zu einer Hochzeitsfeier zu begleiten. In einem kleinen, abgelegten Tal in den Nordwalser Höher, gingen Elkwinja von Lejenfels und Panek Wetterow den Traviabund miteinander ein.

Der Bräutigam war ein Freund aus Jugendtagen der beleibten Lebefrau. Uns hat sie angeheuert, um sie sicher zur Burg und wieder zurückzubringen. Außerdem sollte ich bei der Feier für die Musik sorgen. Die Hochzeit wurde kurzfristig angesetzt. Elkwinja sollte erst jemanden anderes heiraten. Doch aus nicht bekannten Gründen sagte ihr Vater die Hochzeit ab, hatte es aber auch sehr eilig, seine Tochter unter die Haube zu bringen.

Um das Lejenfelser Tal zu erreichen, reisten wir von Norburg aus nach Ask und folgten dort dem rechten Arm des Borns in die Nordwalser Höhen. Der Winter setzte bereits ein. Auf den Hügeln und den Fichten lag Schnee. Auch die Wege waren verschneit. Immerhin konnte man die Wegmarkierungen noch erkennen. Von größerem Schneegestöber blieben wir verschont. Auch griffen uns keine wilden Tiere an. Nach sieben Tagen kamen wir ins Lejenfelser Tal an. Einen Tag vor den großen Feierlichkeiten.

***

Kurz bevor wir das Tal erreichen konnten, fing es an, stark zu schneien. Zum Glück hatten wir es nicht mehr weit. Von einer Anhöhe aus konnten wir uns schon einen Überblick über das Tal verschaffen. Im Südosten des Tals war eine kleine Burganlage zu sehen. Im Westen waren mehrere Höhleneingänge zu sehen. Janne meinte, dies wären die Eingänge zu den Minen. Dort würde Silber- und Kupfererze abgebaut werden. Dies sei auch der Grund, weswegen sich hier eine Siedlung befände. Die Siedlung war auch im Westen des Tals. Das Tal selbst war zum größten Teil bewaldet. Es gab Nadelbäume, aber auch Riesenfarne und andere Sträucher. Wir machten uns auf den Weg zur Burg.

***

Die Bezeichnung Burg war für die Anlage übertrieben. Die Anlage bestand aus drei Gebäuden: dem herrschaftlichen Hauptgebäude, einem Wirtschaftsgebäude und dem Stall. An drei Seiten war der Bereich durch Felsenwände geschützt. Zum Tal hin wurde eine hohe Bruchsteinmauer errichtet.

Ein gutaussehender Mann, Ende 20, im Kettenhemd empfing uns. Er half Janne vom Pferd und begrüßte sie. Auch uns grüßte er kurz. Er stellte sich als Ertzel von Lejenfels vor. Er war der Sohn des Junkers Tirulf und Bruder der Braut. Sein Vater ließ sich entschuldigen. Seit dem Tod seiner Frau würde er viel Zeit in der Ingerimmkapelle verbringen und sich nur noch selten blicken lassen.

Diener brachten uns einen Willkommenstrunk. Wir durften uns mit einem kleinen Becher Meskinnes, einem bornländischen Haferschnaps mit Honig, aufwärmen. Danach wurden uns unser Zimmer gezeigt. Falls wir mochten, sollten wir abends in den Rittersaal kommen, um die anderen Anwesenden kennenzulernen.

***

Auch am Abend ließ sich der Burgherr nicht sehen. Draußen tobte ein starker Schneesturm. Nach dem Abendessen saßen noch einige Leute im Rittersaal zusammen und wärmten sich am warmen Kaminfeuer. Hagen unterhielt sich angeregt mit Ertzel, den Sohn des Burgherrn, und einen alten Kämpen namens Rajowin, ein bornischer Ritter und ehemaliger Waffengefährte des Burgherrn. Janne saß zusammen mit seiner Knappin Rondriga, würfelte und trank fleißig Meskinnes. Etwas abseits saß das Brautpaar, Panek und Elkwinja. Beide schienen sich bestens zu amüsieren. Sie tuschelten und lachten miteinander. Aus etwas Entfernung wurden sie von einem wehmütig blickenden Kerl beobachtet. Ich nahm neben dem Mann Platz.

Ihr scheint den Abend nicht zu genießen, woran liegt’s, fragte ich direkt.

Es ist eine Prüfung meines Gottes, antwortete der vollbärtige Mann mir. Mein Name ist Arnwulf von Haraldsklamm, Akoluth des Firun. Eigentlich sollte ich mit Elkwinja vermählt werden. Wir waren uns schon seit frühster Kindheit versprochen. Doch vor ein paar Wochen erhielt ich Kunde, dass es sich der Junker von Lejenfels anders überlegt hatte. Nun heiratet sie diesen Panek.

Mein Name ist Janda Frejasdottir, stellte ich mich vor. Ich mache Musik. Also morgen, bei der Feier. Aber warum tut ihr euch die Hochzeit an? Es muss doch sehr schmerzhaft für euch sein, hier anwesend zu sein?

Wie erwähnt, es ist eine Prüfung meines Gottes, antwortete Arnwulf mir. Ursprünglich kam ich her, um auf Elkwinja einzureden. Ich wollte sie überzeugen, dass ich die bessere Partie für sie wäre und wollte sie zurückgewinnen. Aber seht doch nur, wie glücklich sie mit diesen Panek ist.

Sie scheinen wirklich beide sehr vertraut miteinander zu sein, sagte ich. Wie kommt es, dass eure Vermählung so kurzfristig abgesagt wurde?

Ich weiß es nicht, seufzte der Firun-Geweihte auf. Es kam so überraschend. Wahrscheinlich hat Elkwinja ihren Vater darum gebeten. Seht doch, wie schön sie ist. Wie eine Schneeflocke. Wie gerne wäre ich nun an ihrer Seite.

Ich hielt ihn meinem Becher Meskinnes entgegen, um mit ihm anzustoßen: Seid stark und lasst los! Firun fordert es von euch!

Er ging nicht auf meinen Tost ein: Ihr habt recht. Ich sollte rausgehen, in die Natur. Dort wird mir Firun die Antwort auf meine Fragen geben. Wir sehen uns morgen.

Bis dann, Arnwulf, verabschiedete ich mich. Nachdem mich der Geweihte verlassen hatte, setzte ich mich zu Hagen und seinen Gesprächspartner dazu. Ertzel und Rajowin verabschiedeten sich auch bald. Es wurde aber noch spät. Am Abend saßen noch Hagen, Janne, Elkwinja und ich im Rittersaal und genossen den Meskinnes.

***

Ein lauter Schrei riss uns am nächsten Morgen aus unserem Schlaf. Schnell standen wir auf und versuchten, der Ursache des Schreis auf den Grund zu gehen. Vor einem der Zimmer waren viele Menschen versammelt. Was ist hier los, wollte Hagen wissen.

Ertzel liegt tot in seinem Bett, antwortete ihm Janne, die ebenfalls zu dem Zimmer geeilt war.

Lasst uns doch, forderte Hagen.

Wir schoben uns durch die Menschenmenge, um uns im Zimmer genauer umzusehen. Ertzel lag tot in seinem Bett. Am Hals hatte er eine Wunde. Der Schnitt wurde sauber und präzise ausgeführt. Es musste von einer leicht gebogenen Klinge verursacht worden sein. Einen Säbel vielleicht, aber der wäre zu groß. Eher ein Dolch, der auch von jemanden geführt wurde, der den Umgang mit Waffen gewohnt war.

Im Zimmer gab es keine Spuren eines Kampfes. Am Fußboden gab es einige nasse Stellen. Die mussten vom Mörder stammen. Dieser kam wohl von draußen. Am Fenster war ein Hanfseil geknotet. Doch das musste von innen geschehen sein. Im Bett fand ich das Glied einer Kette. Das steckte ich ein.

Wer hatte ihn gefunden, fragte Hagen in die Menge.

Das war ich, antwortete eine rot gelockte Frau, die wir noch nicht kannten.

Wer seid ihr, wollte Hagen wissen.

Mein Name ist Notjes Drachenstein, antwortete die Frau ihn. Ich bin Jägerin und hatte eine Beziehung mit Ertzel.

Ich habe euch gestern Abend nicht gesehen. Wo wart ihr da, setzte Hagen die Befragung fort.

Ertzel und ich hatten gestern einen Streit. Daraufhin habe ich das Haus verlassen und im Stall übernachtet, antwortete sie.

Was ist hier los, ertönte eine Stimme. Tirulf von Lejenfels war erschienen. Sprachen vorher alle Leute durcheinander, herrschte auf einmal Stille.

Sein Freund Rajowin informierte ihn: Guter Freund, euer Sohn wurde ermordet.

Ihm schien der Verlust seines Sohnes kaltzulassen: Rajowin, kümmert euch um die Aufklärung des Mordes!

Nachdem er seinen Freund den Auftrag erteilt hatte, verschwand der Burgherr wieder.

Versammelt euch alle im Rittersaal und wartet darauf, dass ich euch zur Befragung aufrufe, ordnete der bornländische Ritter an. Wir folgten seinem Befehl.

***

Während wir auf unsere Befragung warteten, unterhielten wir uns mit Janne. Ganz im Vertrauen, ich glaube, ich weiß, wer der Mörder ist. Deswegen bin ich hier wohl auch nicht sicher, flüsterte sie uns zu.

Erzählt uns mehr davon, forderte ich sie auf.

Ich habe gestern Abend mit Rondriga, der Knappin von Rajowin, gewürfelt und getrunken, berichtete sie uns. Umso mehr sie getrunken hatte, umso mehr hat sie über Ertzel geschimpft. Er war früher Knappe bei Rajowin und sie muss sich von ihrem Herrn immer anhören, wie großartig, mutiger und geschickter als sie er war. Bestimmt hat der viele Meskinnes dafür gesorgt, dass sie das leuchtende Beispiel aus dem Weg räumen wollte. Aber ich habe Bedenken, dass die Tat ungesühnt bleibt. Vor allem, wenn Rajowin die Ermittlungen führt. Er wird kaum seine eigene Knappin ausliefern. Könnt ihr euch nicht um die Auflösung des Mords kümmern?

Wir werden unser Bestes tun, versprach Hagen.

***

Immer wieder erschien Rondriga und holte Leute zum Verhör ab. Dafür kamen wieder die Verhörten in den Rittersaal zurück. Sie sollten dort warten, bis Rajowin alle verhört hatte und sich zu einem Urteil durchgerungen hatte. Das Warten im Rittersaal war sinnlos. Wir waren in dem Tal eingeschneit. Wer den Saal verlassen hätte, wäre nicht weit gekommen. Trotzdem sperrte Rondriga jedes Mal wieder hinter sich ab. Sie schien das Gefühl der Macht zu genießen.

Inzwischen verbreitete sich auch die Nachricht, dass die Hochzeit trotz des Todesfalls nicht abgesagt wird. Sie wurde nur um einen Tag verschoben. Am nächsten Morgen sollte Ertzel bestattet werden und am Nachmittag die Trauung stattfinden.

Elkwinja, die Braut, war darüber nicht sehr glücklich. Der Tod ihres Bruders nahm sie sehr mit. Am liebsten hätte sie die Hochzeit abgesagt, aber ihr Vater bestand darauf, dass sie stattfindet. Das Kettenglied, das ich im Bett ihres Bruders fand, erkannte sie wieder. Es gehörte zu einem Amulett. Sie trug selbst auch so eines. Es war einst ein Geschenk ihrer Mutter, die bei einem Unfall ums Leben kam.

Panek mochte Ertzel sehr und war auch sehr mitgenommen. Trotzdem war er froh darüber, die Hochzeit nicht absagen zu müssen. Er konnte es nicht erwarten, endlich mit seiner Liebsten vereint zu sein. Mir kam das Argument doch etwas vorgeschoben vor. Als ich nachfragte, gab er auch zu, dass er Bedenken hatte, dass ihm das Erbe der Lejenfels entgehen könnte, wenn Tirulf sein Einverständnis zur Hochzeit zurückziehen würde.

Notjes, die eine Beziehung mit Ertzel hatte, und den Toten gefunden hatte, wirkte sehr niedergeschlagen. Nach einem Streit mit Ertzel hatte sie die Nacht im Stall verbracht. Bei dem Streit soll es um die abweisende Haltung von Tirulf ihr gegenüber gegangen sein. Bisher traf sie ihn nur zweimal und vermutete, dass er sie wegen ihrer nivesischen Abstammung verabscheute.

Die Diener Dunjew, Kolkja, Ulmjescha und Vestissja hatten alle im Wirtschaftsgebäude geschlafen und hatten nichts bemerkt.

Arnwulf, der Firungeweihte, kam erst später hinzu. Er hatte die Nacht in der Wildnis verbracht. Er konnte nicht schlafen und hat die Nacht im Schneegestöber verbracht, um seinen Gott nahe zu sein. Als er gegen Mittag eintraf, war er überrascht darüber, dass alle im Rittersaal eingesperrt waren. Als Rondriga ihm entdeckte, brachte sie ihn zu den anderen Anwesenden. Es überraschte Arnwulf sehr, was geschehen war. Nun ist also Panek der Erbe von Tirulf, falls ihm etwas zustoßen sollte, war seine Reaktion darauf.

***

Ich wurde als Letztes verhört. Rondriga brachte Hagen in den Rittersaal zurück und führte mich dann zu Rajowin. Unterwegs versuchte ich Rondriga zu befragen, was sie denn letzte Nacht getan habe. Ich bin euch keine Auskunft schuldig, erwiderte sie mir und war den Rest des Weges schweigsam.

Rondriga saß an einem wuchtigen Schreibtisch. Während des Verhörs musste ich vor ihm stehen.

Euer Name ist also Janda Frejasdottir, Bardin und Abenteurerin aus Thorwal. Was führt euch nach Lejenfels, begann er seine Befragung.

Ich bin hier im Gefolge von Janne von Tritzow. Mein Gefährte Hagen von Greifenfurt und ich wurden von ihr angeheuert, um sie sicher zur Burg Lejenfels zu geleiten. Außerdem soll ich auf der Hochzeit musizieren, antwortete ich.

Wo wart ihr letzte Nacht, lautete die nächste Frage.

Den größten Teil der Nacht verbrachte ich im Rittersaal, gemeinsam mit Hagen, Ertzel, Panek und Elkwinja. Auch Jenne und eure Knappin Rondriga waren anwesend. Danach gingen Hagen und ich auf unsere Kammer, berichtete ich.

Ihr habt nicht Ertzel auf seine Kammer begleitet und ihm dort die Kehle durchgeschnitten, fragte Rajowin nach.

Ganz sicher nicht, widersprach ich. Warum sollten wir das tun?

Nun, durch den Tod von Ertzel wird nun Panek Erbe von Lejenfels. Seine Geschäfte sollen nicht so gut gehen. Vielleicht hat Janne euch beauftragt, ihn den Weg zum Erbe freizuräumen, schlussfolgerte Rajowin.

Und nach der Hochzeit bringen wir Tirulf um, spottete ich. Hagen ist Mitglied des Ordens der Norikerkrieger. Als solcher wird er keine Mordaufträge annehmen. Außerdem würde Panek doch bestimmt abwarten, bis er verheiratet ist, bevor er sich bei der Erbschaftsrangfolge nach oben arbeitet. Wahrscheinlich ist doch eher, dass eure Knappin Rajowin Ertzel umgebracht hat.

Haltet euer Lästermaul, polterte Rondriga hinter mir los.

Was soll meine Knappin damit zu tun haben, wollte Rondriga wissen.

Rajowin erzählte gestern Jenne beim Würfeln, dass sie Ertzel sehr verabscheut. Ständig müsste sie von euch hören, dass er viel fleißiger, begabter und besser als sie war, als er euch als Knappe diente…

Sie lügt, schrie eine wütende Rondriga.

Ich fuhr fort: Sie trank gestern sehr viel Meskinnes. Vielleicht hatte sie im Rausch daran gedacht, dieses strahlende Ebenbild, das ihr ständig vorgehalten wird, zu beseitigen.

Rondriga ist, ebenso wie ich, über jeden Verdacht erhaben, belehrte mich Rajowin. Wir sind gute Freunde der Familie und würden niemals einen der von Lejenfels etwas antun. Ich habe genug gehört. Bring Frau Frejasdottir wieder in den Rittersaal, Rondriga. Danach kommt wieder zu mir.

Rondriga brachte mich wieder zurück in den Rittersaal. Unterwegs fauchte sie mir noch zu: Es ist wahr, ich mochte Ertzel nicht. Aber ich habe ihn nicht umgebracht.

***

Wir verbrachten eine weitere Stunde mit den anderen Anwesenden eingesperrt im Rittersaal. Wir saßen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten uns. Ich erzählte Jenne von den Anschuldigungen, die Rajowin ihr gegenüber erhob.

Der Narr, knurrte sie. Das muss er erst einmal beweisen. Ich freue mich für Panek, dass er sein Glück gefunden hat und er ist wirklich über beide Ohren in Elkwinja verliebt. Das Erbe steht nicht an erster Stelle.

Elkwinja und Panek bekamen unser Gespräch mit: Mein Panek will mich nicht wegen des Geldes heiraten. Wir kennen uns schon seit unserer Kindheit und liebten uns schon immer. Panek würde mich auch heiraten wollen, wenn ich eine einfache Dienstmagd wäre. Ich muss unbedingt mit Rajowin sprechen, wenn er diese schwachsinnige Idee weiterverfolgt. Das ist einfach nicht wahr.

Ich würde dich auch heiraten wollen, wenn du eine mittellose Bettlerin wärest, bestätigte Panek. Um seine Worte zu unterstreichen, gab er seiner Verlobten einen langen Kuss.

Die Tür zum Rittersaal öffnete sich. Schlagartig wurde es im Saal ruhig. Rajowin und Rodriga traten ein. Rajowin ergriff das Wort: „Nach ausgiebiger Befragung der Anwesenden und Untersuchung der wichtigen Schauplätze des Mordes an Ertzel von Lejenfels kann ich nun verkünden, wer des Mordes schuldig ist. Die Tatwaffe, ein Dolch, wurde im Stall gefunden. Notjes hat im Stall übernachtet und hatte Streit mit Ertzel. Also ist sie die Mörderin.

Ein Raunen ging durch den Saal. Notjes brach in Tränen aus: Ich habe ihn nicht umgebracht. Ich habe ihm doch so sehr geliebt!

Doch sie war nicht allein, setzte Rajowin seine Rede fort. Sie hatte Hilfe. Vor dem Haus konnten wir Stiefelspuren entdecken. Diese Spuren gehören zu Dunjew, dem Stallburschen. Auch diesen beschuldige ich den Mord an Ertzel. Hagen von Greifenfurt, ergreift die Mörder und helft Rondriga, diese in Ertzels Zimmer zu sperren. Dort sollen sie bis nach den Feierlichkeiten warten. Dann wird ein Urteil über sie gefällt.

***

Hagen kam der Aufforderung von Rajowin nach. Gemeinsam mit seiner Knappin Rondriga sollten sie abwechselnd Wache vor der Tür halten. Ich war nicht von der Schuld von Dunjew und Notjes überzeugt. Dunjew wirkte verzweifelt und konnte sich nicht erklären, wie seine Stiefelabdrücke in den Schnee gekommen sein sollten. Notjes liebte Ertzel und sie fand die Leiche. Wäre sie die Mörderin gewesen, hätte sie bestimmt jemanden anders die Leiche finden lassen.

Aber ich war die Einzige, die Zweifel an deren Schuld hatte. Alle anderen Anwesenden wirkten erleichtert, dass die Mörder nun eingesperrt waren und keine weitere Gefahr mehr drohte. Janne war froh, dass der Verdacht gegen sie und Panek sich nicht verstärkt hatte. Auch die Beiden konnte ich mir als Mörder nicht vorstellen. Hätte Panek sich in der Erbfolge nach oben morden wollen, wäre es sinnvoller gewesen, bis nach der Hochzeit zu warten und auch abzuwarten, wenn weniger Leute anwesend sind. Doch wer sollte sonst der Mörder gewesen sein? Unter den Anwesenden fand ich niemanden, der ein Motiv gehabt hätte. Außer vielleicht Arnwulf, den Firungeweihten. Vielleicht wollte er den Mord Panek in die Schuhe schieben, um so wieder die Gunst von Elkwinja zu gewinnen. Falls das so geplant war, hatte es aber nicht funktioniert. Trotzdem beschloss ich, den Priester im Auge zu behalten.

***

Am nächsten Vormittag wurde Ertzel bestattet. Die Beerdigung fand am Boronanger im Wald statt. Außer den Verdächtigen und Hagen, der Wache schieben musste, waren alle Gäste anwesend. Auch die Minenarbeiter, die im Tal lebten, waren da. Tirulf ließ sich auch blicken. Obwohl es nur leicht schneite, war er dicht in Kleidung verhüllt. Sogar sein Gesicht war unter einem dicken Schal verborgen. Panek und Janne ließen gemeinsam mit Kolkja, einem der Diener, und Rondriga, den in einen Tuch gehüllten Leichnam ins Grab hinab. Nachdem der Grabessegen erteilt wurde, verkündete Tirulf, dass sich an den Hochzeitsplänen nichts geändert habe und er alle am Abend zur Feier im Rittersaal erwartet. Dann verschwand der Burgherr wieder.

***

Die Stimmung, bei der Hochzeit, war nicht sehr fröhlich. Wenig feierlich verpflichtete Rajowin die Liebenden auf Travias Gebote: Treue, Fürsorge füreinander und das Zeugen von legitimen Kindern. Der Treueeid wurde durch einen lokalen Brauch, das Aneinanderketten der Eheleute, bestärkt. Dabei wird das Paar durch eine Kette aus zusammengefügten Schmuckstücken aneinandergefesselt.

Nach dem Treueschwur gab es das Festmahl. Schnepfenbrüste in Biersoße, schwarze Hasenblutsuppe, Kartoffelstampf mit Buttermilch, gefüllte Piroggen und rauchiger Bärenschinken, sowie reichlich Gemüse wurde aufgetischt. Dazu gab es Met und Meskinnes.

Nach dem Essen ging es über zum gemütlichen Teil. Die Stimmung hellte sich etwas auf, was wohl auch daran lag, dass weiterhin der Meskinnes und andere Schnäpse flossen. Dem bornischen Brauch nach wurden nun Geschichten erzählt und Lieder gesungen. Janne spielte die Fiedel, ich begleitete sie auf meiner Handharfe, und Rajowin zeigte sich mit seiner tiefen Stimme als überraschend guter Sänger. Sind sonst die traditionellen Weisen zur Hochzeit eher heiterer Natur, so waren die Geschichten und Lieder an diesen Abend eher trübsinnig. Der Tod Ertzels lag wie ein düsterer Schatten über der Feier.

***

Am nächsten Tag sprach mich Panek an. Er wollte wissen, ob ich Elkwinja gesehen hätte. Er würde seine Frau vermissen und habe sie den ganzen Tag noch nicht gesehen. Wir hörten uns um und erfuhren, dass sie am Morgen mit einem Pferd ausgeritten sei und immer noch nicht zurückgekehrt ist.

Wir folgten der Spur, die ihr Pferd im Schnee hinterlassen hatte. Mitten im Wald fanden wir ihr Pferd. Nicht weit davon, an einer Quelle, lag der tote Körper von Elkwinja. Ebenso wie bei ihrem Bruder war bei ihr die Kehle durchgeschnitten. Auch bei ihr fehlte das Amulett. Als ich Panek darauf hinwies, verriet er mir, dass sie das Amulett nicht mehr besäße. Er würde es nun tragen. Während den Hochzeitfeierlichkeiten hätte sie ihm den Anhänger gegeben. Elkwinja habe ihm aber nicht verraten, welche Bedeutung die Kette habe. Ich bat ihn, den Rest des Tages das Amulett gut sichtbar zu tragen.

In der Nähe der Quelle fanden wir noch ein blutiges Jagdmesser. Das war wohl die Mordwaffe. Wir legten Elkwinja auf ihr Pferd und kehrten zur Burg Lejenfels zurück. Rajowin war natürlich nicht sehr begeistert. Sein Verdacht gegenüber Panek und mir, als seine Helferin, verstärkte sich. Allerdings versicherte die Dienerin Ulmjescha ihn, dass die Herrin am Morgen allein ausgeritten ist. Das brachte ihm von seinem Verdacht erst einmal wieder ab, und ich konnte ihn meinen Plan erklären.

Ich vermutete, dass es etwas Besonderes mit den silbernen Amuletten an sich hatte, die die Geschwister bei sich trugen. Ertzels Amulett wurde bei seiner Ermordung gestohlen. Elkwinja trug ebenfalls so ein Amulett. Das gab sie bei ihrer Hochzeit aber an ihren Ehemann weiter. Das wusste der Mörder nicht und brachte deswegen die Frischvermählte um. Panek sollte nun das Amulett gut sichtbar tragen, damit auch jeder mitbekommt, dass es sich nun in seinem Besitz befindet. Nachts würden sich Hagen und ich uns in seiner Kammer befinden und auf den Mörder warten. Denn dieser wird sicher versuchen, in den Besitz des Amuletts zu kommen. Rajowin erklärte sich mit meinem Plan einverstanden. Allerdings nur unter der Bedingung, dass auch er in der Kammer auf den Mörder warten würde.

***

Zu dritt saßen wir im Dunklen in Paneks Stube. Panek lag im Bett, doch war er zu aufgeregt, um schlafen zu können. Trotzdem waren wir alle ruhig, um keinen Verdacht zu erregen. Die Nacht schritt voran. Ich begann an meinem Plan zu zweifeln. Doch dann öffnete sich die Tür. Ein Schatten betrat den Raum und beugte sich über den im Bett liegenden Panek. Hagen stürzte sich auf die Gestalt und nahm sie in seinem festen Griff. Ich holte meinen Gwen Petryl-Stein hervor, um für Licht zu sorgen. Nun konnten wir auch erkennen, wer der Mörder war, den wir nun auf frischer Tat ertappt hatten: Ulmjescha, die Magd, trachtete Panek nach dem Leben.

Mit meinem Verdacht lag ich richtig. Sie hatte es auf die silbernen Amulette abgesehen. Bei den Amuletten handelte es sich um die Schlüssel zum Ingerimmschrein in der Burg. Die Tür konnte man nur mit beiden Schlüsseln öffnen. Im Schrein hielt sich Tirulf von Lejenfels auf. An diesem wollte sie Rache üben.

Rache wofür? Vor etwa 15 Jahren zog ein Vampir durch das Lejenfelser Tal und tötete dort mehrere Leibeigene. Tirulf von Lejenfels machte sich auf die Jagd nach diesem Vampir. Er konnte diesen stellen und auch töten. Doch war es zu spät. Der Vampir hatte ihn bereits gebissen. Der einst streng firungläubige Adlige wurde zum rücksichtslosen Blutsauger. Seinen Blutrausch soll sogar seine Frau zum Opfer gefallen sein.

Die gelegentlichen, sommerlichen Jagdausflüge des Junkers wurden zu offenen Lästerungen des Jagdgottes: vergiftete Pfeile, sinnlose Treibjagden und das Töten von wehrlosen Jungtieren. Vor etwa zehn Jahren ließ Tirulf einen Eisbären fangen und einsperren. Dem Tier wurden die Krallen und Zähne ausgerissen. Da versagte seine Wildhüterin Morla ihm ihre Dienste. Ihm gefiel das nicht, und er saugte sie aus und tötete sie.

Ihre damals 14jährige Tochter Xinja verließ das Tal noch in derselben Nacht. Sie schloss sich in Paavi einem Kult an, der Firum verehrte, um dort Trost und Kraft für ihre Rache zu finden. Doch der Kult verehrte nicht wirklich den Jagdgott, sondern seinen Gegenspieler, den Dämonen Nagrach. Sein eisiger Hauch verwandelt Menschen und Tiere in gefühlslose Eisherzen. So war es auch bei Xinja der Fall.

Vor einem halben Jahr kehrte sie in das Lejenfelser Tal zurück, um Rache an Tirulf zu nehmen. Doch ihre Freipfeile konnten den Vampir nur leicht verletzen. Allerdings traf sie mit ihrem dritten Pfeil ihren treuen Begleiter, den Firnläufer-Hund Jukk, tödlich. Die Trauer um Jukk verstärkte ihren Wunsch nach Rache. Vor einigen Monaten hat sie die neue Magd Ulmjescha auf ihrem Weg ins Lejenfelser Tal abgepasst und getötet. Sie nahm ihren Platz auf Burg Lejenfels ein und wartete auf einen günstigen Augenblick für ihre Rache. Nun sei die Zeit dafür gekommen. Sie wäre bereit, für die Morde, die sie verursacht hatte, einzustehen und jede Strafe zu akzeptieren, solange Tirulf für seine Untaten mit seinem Leben zahlt.

Rajowin hielt das alles für das Geschwätz einer Wahnsinnigen. Niemals wäre sein guter Freund ein Vampir. Doch Hagen und ich waren der Meinung, dass man Tirulf wenigstens mit den Anschuldigungen konfrontieren sollte. Doch wollten wir dem vermeidlichen Vampir nicht unvorbereitet entgehen treten. Am Mittag des angebrochenen Tages wollten wir in die Ingerimmkapelle eindringen.

***

Wir hatten Glück. Ausnahmsweise befand sich Arnwulf mal nicht in der Natur, auf der Suche nach der Nähe seines Herren, sondern am warmen Herdfeuer. Wir erzählten ihm die Geschichten und fragten den Geweihten nach seinem Rat.

Vampire sind von den Zwölfgöttern verfluchte Wesen, klärte er uns auf. Sie sind sehr stark und nur schwer zu verletzen. Sie brauchen Blut, um überleben zu können. Vampire haben magische Kräfte, können ihre Opfer beherrschen und sich selbst verwandeln. Richtig verwunden kann man sie nur mit Waffen, die der Gottheit gefällig sind, die sie verflucht hat. Ihr habt Glück, dass ihr einen Firungeweihten habt. Lasst mich eure Waffen segnen. Und wenn ihr ihn wirklich wehtun wollt, dann nehmt einen Eiszapfen mit.

Rajowin und Rondriga hielten Xinjas Anschuldigungen immer noch als Blödsinn und verzichteten darauf, ihre Waffen weihen zu lassen. Hagen und ich verzichteten aber nicht darauf. Wir wollten uns auch noch zur Sicherheit einen Eiszapfen.

***

Dreimal klopfte Rajowin gegen die Tür der Ingerimmkapelle und bat seinen Freund, uns hineinzulassen. Als niemand reagierte, öffneten wir mit den beiden Amuletten die Tür.

In der Mitte des Raumes stand ein einfaches Standbild des Gottes Handwerks. Links und rechts davon standen zwei kantige Steintische an den Wänden. Auf einem der Tische lag Tirulf von Lejenfels. Als wir den Raum betraten, richtete er sich auf.

Was wollt ihr? Warum stört ihr mich, fragte der Burgherr.

Etwas verstört von der Szenerie, antwortete Rajowin: Wir haben den Mörder eurer Kinder gefasst. Doch dieser Mörder erhebt ungeheuerliche Anschuldigungen gegenüber euch, mein Freund. Der Mörder meint, dass ihr ein Vampir seid.

Das ist doch lächerlich, antwortete der Burgherr. Und ihr glaubt dem Unsinn, Rajowin?

Natürlich nicht, mein Freund, entgegnete Rajowin.

Doch, das tun wir, antwortete Hagen. Einiges, was wir hier sahen und erlebten, verstärkte uns in dem Urteil.

Tretet vor, eure haltlosen Anschuldigungen sollt ihr mit euren Leben bezahlen, forderte Tirulf Hagen heraus und zog sein Schwert.

Hagen trat vor. In der rechten Hand hielt er sein Schwert, in der linken den Eiszapfen. Es war recht warm in der Kapelle. Der Eiszapfen würde bald schmelzen.

Der erste Schlag des Burgherrn traf Hagen. Aber auch Hagen traf mit seinem Schwert Tirulf. Der schien davon aber nicht sehr beeindruckt zu sein. Doch auch der Eiszapfen traf den Vampir und ließ ihn laut aufschreien.

Tirulf konnte gut mit seinem Schwert umgehen. Auch sein nächster Schlag traf Hagen. Aber auch mit seinem nächsten Angriff traf Hagen den Burgherrn. Wieder zeigte er sich von dem Schwertstreich nicht sehr beeindruckt. Der Angriff mit dem Eiszapfen, der langsam das Schmelzen in Hagens Hand anfing, ging ins Leere.

Unter dem nächsten Treffer von Tirulf kam Hagen sehr ins Wanken. Ich zog mein Florett, bereit, um selbst in den Kampf einzugreifen. Hagens Schlag mit dem Schwert ging ins Leere. Der Schlag mit dem Eiszapfen konnte der Vampir mit seinem Schwert abwehren. Dabei schlug er einen Teil des Zapfens ab. Nun war wirklich nicht mehr viel davon übrig.

Erneut fand der Hieb des Burgherrn sein Ziel. Laut schrie Hagen vor Schmerzen auf. Verzweifelt holte er mit seinem Schwert aus. Zum ersten Mal schien er den Vampir wirklich hart zu treffen. Unter der Wucht des Treffers vernachlässigte Tirulf seine Deckung. Hagen holte aus und bohrte die Reste des Eiszapfens in den Arm des Vampirs. Aus der Einstichstelle stieg Rauch empor. Tirulf schrie laut auf und innerhalb von einigen Sekunden zerfiel er zu Staub.

Ungläubig starrte Rajowin auf die Überreste seines einstigen Freundes und Waffenbruders. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass sich die Mär vom Vampirismus als wahr erwies.

***

Wir verbrachten noch einige Tage auf Burg Lejenfels. Starke Schneefälle erlaubten uns noch nicht die Abreise. Das gab Hagen auch noch die Gelegenheit, sich von den schweren Verletzungen zu erholen. Notjes und Dunjew wurden wieder freigelassen. Xinja wurde zu Tode verurteilt. Da der Pakt mit Nagrach ihr Unverwundbarkeit gewehrte, musste ihr Seelenstein gefunden werden. Diesen hatte sie in einem alten Erzstollen im Lejenfelser Tal versteckt. Da sie ihre Rache bekommen hatte, gab sie bereitwillig Auskunft über das Versteck. Wir begleiteten Janne von Tritzwo nach Norburg zurück. Ein Jahr später kehrte sie zurück, um die Frau von Panek Wetterow zu Lejenfels zu werden. Auch bei dieser Hochzeit waren wir wieder Gäste. Diesmal ging es nicht so blutig zu.


Janda Frejasdottir

Janda Frejasdottir ist eine Bardin aus Thorwal. Sie war es Leid, nur die Lieder zu singen, die jeder bereits kennt. Deswegen begab sie sich auf eine Reise, um ihre eigenen Abenteuer zu erleben. Unterwegs traf sie auf dem Noriker-Krieger Hagen von Greifenfurt, mit dem sie nun gemeinsam durch Aventurien reist, um Abenteuer zu erleben und neue Lieder zu schreiben.

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