Die Thorwaler Trommel

(ein Abenteuer von Daniel Heßler)

Festum ist die Hauptstadt des Bornlandes. Hier geben sich Gelehrte, Bronnjaren und verarmter Brückenadel die Ehre. Die kleinen Stadtviertel haben ihren eigenen Zauber, seien es die mit Heiligenbilder verzierten Fachwerkbauten der Altstadt, das von Goblins bewohnte Gerberviertel, das Hesindendorf, in dem sich mit den Jahren Einrichtungen rund um Kultur, Wissenschaft und Kunst versammelt haben, oder die neu gewählte Heimat der Exil-Maraskaner, das laute und quirlige Neu-Jergan.

Die Bornländer selber sind über diese bunte Mischung an Einwohner nicht sehr begeistert. Gerade die Exil-Maraskaner werden größtenteils verachtlich behandelt. Etwas leichter haben es da schon die Goblins, wobei diese auch von oben herab behandelt werden und nur für niedere Dienste, wie Straßenkehrer oder Rattenfänger herangezogen werden. Einige haben sich aber auch einen guten Ruf als Lederbearbeiter verdienen können. Auch einige Thorwaler, Niviesen und Norbarden haben sich hier niedergelassen, und in den letzten Jahren wurde das Völkergemisch von mehr und mehr Festumer misstrauisch beäugt. Vorurteile und Misstrauen bestimmten zunehmend das Stadtgespräch. Dass die Streitlust landesweit zugenommen hatte, und dass dies mit dem Erwachen des Landes zusammenhängen könnte, ahnen die wenigstens.

***

Ein Schiff aus Mengbilla brachte uns nach Festum. Wir waren vor einiger Zeit schon mal in der Stadt gewesen. Damals klärten wir eine Mordserie an Goblins auf. Zu der Zeit übernachteten wir in der Eberschaufel. Da wir die Gaststätte in guter Erinnerung hatten, kehrten wir auch diesmal dort wieder ein. Uns lief tatsächlich auch ein alter Bekannter dort über den Weg. Weibel Maatsen, unser damaliger Auftraggeber, war unter den Gästen:

Ach, ihr seid auch mal wieder in Festum? Schön euch zu sehen. Seid ihr wegen des Umzugs hier? Nein? Wenn ihr euch ein paar Batzen verdienen wollt, dann meldet euch morgen bei Hauptmann Timpski in der Garnison. Er ist für jede Hilfe dankbar. Aber jetzt muss ich weiter. Vielleicht sieht man sich noch einmal. Bis bald!

Das Gerede vom Umzug hat uns neugierig gemacht. Wir hörten uns in der Taverne weiter um. Da erfuhren wir, dass bei dem Umzug Strohpuppen herumgetragen wurden, die aussehen wie eine Piratengruppe, die vor hundert Jahren die Gegend unsicher machten. Die Hinrichtung dieser Piraten wird nachgestellt. Damals hatte Atmaskot Blutsäufer die Speicherinseln besetzt. Die Festumer Garde hatte ihn dann gefangen genommen und ihn die Haut abgezogen. Aus der Haut wurde die Thorwaler Trommel bespannt, die beim Umzug durch die Gegend getragen wird. Sonst fand der Umzug immer nur auf der Speicherinsel statt. Doch dieses Jahr will Timpski den Zug durch die gesamte Stadt führen, um die Verbundenheit der Bornländer mit ihrer Heimat zu stärken. Dafür braucht er aber auch mehr Personal, da mit mehr Unruhen von den anderen Völkergruppen zu rechnen ist. Sie könnten sich durch die Nachstellung der Hinrichtungen provoziert fühlen. Eine Teilnahme als Ordner würde sich aber lohnen. Nicht nur wegen des Geldes. Nach dem Umzug lädt die Garde zum gemeinsamen Essen der Ordner ein: Atmaskötel in roter Soße, was sehr lecker sein soll.

Timpski hatte sich in den letzten Jahren hochgearbeitet. Seine Familie war übel dran: Glücksspiel, Schulden. Aber Elkman hat die Ehre der Familie wieder gerettet. Vor kurzem ist er sogar zum Ratsherrn ernannt worden.  Hauptmann wurde er, nachdem er den Aufstand in Neu-Jergan niedergeschlagen hatte. Dabei ist seine Vorgängerin ums Leben gekommen.

Mir schauderte es vor dem Ungetüm von Trommel. Bespannt mit Menschenhaut. Auch fand ich den Umzug unnötig und auch völlig dem widersprechend, wozu Festum sich in den letzten Jahren entwickelt hatte: Aufgeschlossenheit und friedliches Miteinander zwischen den Völkern.

Hagen war da aber anderer Meinung: Immerhin geht es hier um eine Stadttradition und den Sieg von Recht und Ordnung über gesetzlose Mörder. Wer in Festum lebt, muss auch mit seiner Geschichte leben. Und solange wir unter den Ordnern sind, können wir dafür sorgen, dass es friedlich bleibt. Wir können beruhigend auf die Menschenmenge einwirken.

Also ließ ich mich von Hagen überzeugen, mich mit ihm am nächsten Tag bei Hauptmann Timpski zu melden.

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Zur vereinbarten Stunde trafen wir bei der Garnison ein. Außer uns waren noch viele weitere Freiwillige und einige Gardisten anwesend. Hauptmann Elkman Timpski hieß uns willkommen und hielt eine Rede, in der er uns auf unseren Einsatz am nächsten Tag vorbereitete.

Es war uns verboten, Waffen zu tragen. Dafür wurden wir mit Knüppel ausgestattet. Während des Umzugs wären wir Hilfsgardisten und würden über ihre Rechte verfügen. Gegen Quittung durften wir gefährliche Gegenstände konfiszieren und falls es nötig war, auch Gewalt anwenden. Ansonsten war unsere Aufgabe die Wägen mit den Strohpuppen zu bewachen.

Danach beschrieb er uns mit Begeisterung den Sieg über Atmaskot und seiner üblen Mannschaft. Man merkte ihn an, wie stolz er auf das Ereignis war. Wohl auch, weil sein Großvater damals mitgewirkt hatte. Nach der Rede durften wir unsere Verträge unterzeichnen. Nun gab es kein Zurück mehr.

Da wir uns alle verpflichtet hatten, den zweifelhaften Zug zu beschützen, wurde uns nun die Marschroute und der genaue Ablauf des morgigen Tages bekannt gegeben. Hagen verfolgte die Ausführungen von Timpski aufmerksam. Nachdem dieser seine Anweisungen beendet hatte, löste sich die Gruppe auf und würde sich erst am nächsten Tag wiedersehen.

***

Wir sollten uns die Örtlichkeiten mal genauer ansehen, schlug Hagen vor. Vielleicht können wir noch Sicherheitsmaßnahmen für den Umzug treffen, dass es nicht zu sehr eskaliert morgen.

Ehrlich gesagt hätte ich Lust es richtig eskalieren zu lassen, brummte ich.

Janda, ich finde den Umzug genauso unsinnig wie ihr. Aber wir können verhindern, dass es wegen diesem Unsinn Ärger gibt. Lasst uns also alles Mögliche dafür tun.

Na gut, Hagen. Schauen wir uns die Örtlichkeiten genauer an.

***

Der Zug würde in der Speicherstadt beginnen. Dort wurde er auch regulär in den Vorjahren abgehalten. Niemand schien sich hier daran zu stören. Da waren keine Übergriffe zu erwarten.

Anders sah es schon an der zweiten Station aus. Dort sollte auch die erste „Hinrichtung“ stattfinden. Es handelte sich hierbei um die Amüsiermeile. Mit angetrunkenen Matrosen oder auch Thorwalern musste man hier schon rechnen. Es gab ein Eisengitter, mit dem die Stadtgarde nachts die Straße absperrte. Hagen überlegte, ob man dieses während des Umzugs auch nutzt. Aber ich widersprach ihm. Das könnte für Aggressionen sorgen, die sich an anderer Stelle entladen könnten.

Nun lagen drei Wirtshäuser auf dem Weg. Im ersten hielten sich hauptsächlich Exil-Maraskaner auf. Diese schienen sich aber nicht sehr um den Umzug zu kümmern. Wir beschlossen, dass von hier keine Gefahr drohe.

Auch das zweite Wirtshaus kam uns ungefährlich vor. Das dritte, Das Riff der verdorrenden Kehlen, hingegen war sehr bedenklich. Viele Thorwaler verkehrten dort, um sich zu betrinken. Doch ich wusste, wie ich mit meinen Landsmännern umzugehen habe. Ich unterhielt mich mit dem Schankwirt und kam schnell dahinter, dass er zusätzlichen Einkünften gegenüber nicht abgeneigt war. Also schob ich ihn ein paar Dukaten zu, damit er am nächsten Tag seine Getränke mit beruhigend wirkenden Kräutern versetzt.

Die Leiterin der Nordlandbank erzählte uns, dass sie sich gar nicht wohlfühlt, dass der Umzug an ihrem Haus vorbeiführt. Sie hätte auch bei Timpski einen Antrag auf Sonderbewachung gestellt, der wurde aber abgelehnt. Wir versprachen ihr, da noch einmal nachzuhaken.

Am Alten Markt sollte der Zug enden und auch die letzte Hinrichtung stattfinden. Hier war mit dem meisten Ärger zu rechnen, da dort alle Straßen, an denen der Zug vorbeiführen wird, zusammenlaufen. Durch die zentrale Lage ist die Trommel dort sehr gefährdet. Sie ist von jeder Seite angreifbar. Da hilft es nur wachsam zu sein.

Wir kehrten zur Garnison zurück. Hagen berichtete Timpski von unseren Beobachtungen. Diese schienen ihn aber nicht weiter zu interessieren.

Schon alleine, weil er euch kein Gehör schenkte, Hagen, sollten wir morgen den Zug sabotieren, meinte ich.

Nein, Janda, entgegnete mir Hagen. Wir haben einen Auftrag und den werden wir so gut wie möglich erfüllen.

Ich bewunderte sein Pflichtbewusstsein. So etwas lernt man wohl nur, wenn man als Ordenskrieger ausgebildet wird.

***

Am nächsten Morgen trafen wir wieder bei der Garnison ein. Wir erhielten rotweiße Schärpen, die uns als Ordnungskräfte auswiesen. Jeden Wagen wurden acht Ordnungskräfte zugewiesen. Hagen und ich positionierten uns beim dritten Wagen, einer norbardischen Strohpuppe.

Unser Zug setzte sich in Bewegung. Vorneweg Hauptmann Timpski mit der Thorwaler Trommel. Ihm folgte sein Sekundant Berschin. Dieser schob einen kleinen Transportwagen vor sich her, in dem für die Hinrichtungen wichtige Requisiten aufbewahrt wurden, wie Lampenöl, Feuerstein und Zunder, Eimer, sowie verschiedene Gartenwerkzeuge. Hinter Berschin folgten dann die todgeweihten Strohpuppen. Fünf an der Zahl, jede mit eigenen Wagen und 8 Wächtern.

Wie zu erwarten war, durchquerten wir die Speicherstadt ohne Probleme. An der Hafenmeisterei hatten wir unseren ersten Stopp. Borsi Rostbutt, dem dreckigen Goblinpiraten, der einen Mann und drei Frauen so heftig gebissen hat, dass ihnen der Wundstarrkrampf den Rest gab, wurde der Pelz büschelweise herausgerissen, bevor man ihm räderte und ihn hinterher, beschwert mit Steinen und noch immer an den Radspeichen gefesselt, im Born ertränkte, verkündete Berschin.

Seine Strohpuppe war etwas kleiner als die anderen und rot angemalt. Um ihren Leib schlotterte ein blau-weiß gestreiftes Bettlaken. Sie wurde zunächst mit einigen Rechen bearbeitet, dann verteilte man das Stroh mit Wassereimern über das Straßenpflaster. Währenddessen ermahnte man die Goblins, sich auf die Rattenjagd in den Kloaken und die stinkenden Gerberbottiche zu konzentrieren.

In der Nähe der Hafenmeisterei musterten vier Dutzend Goblins den Umzug schweigend und mit verschränkten Armen. Sie schienen zu wissen, dass sie hier nicht viel ausrichten konnten, und blieben bei ihrem stillen Protest.

Der Zug marschierte weiter bis zur Amüsiermeile. Aki Palnotokison, der nivesische Thorwaler, der aussah wie ein Werwolf, wurde skalpiert und laut verschiedener Legenden mit einem Tuzakmesser, einem Stück Draht oder einem Suppenlöffel enthauptet, proklamierte Berschin.

Seine Puppe, von deren Kopf einige Bündel schwarzes Pferdehaar und grobe Fellreste baumelten, wurde mit Sensen und Heckenscheren zugesetzt, ihre Haar- und Strohbüschel freigiebig ins Volk geworfen, während man alle Thorwaler ermahnte, sich friedlich zu verhalten und weniger zu saufen.

Am Eingang der Amüsiermeile hatte sich ein Dutzend Thorwaler versammelt, die uns im Vorbeigehen ihre nackten Hinterteile zeigten. Einer von ihnen entleerte dabei auch seinen Darm, was zu lauten Gelächter bei den anderen Thorwalern führte. Einige der Ordnungskräfte fühlten sich dadurch provoziert, konnten aber noch beruhigt werden.

Wir setzten unseren Zug zur Nordbank fort. Govilja Baldschinski, norbardische Diebin, Wucherin, Schwarzgoldhexe und dreckiges Lügenmaul, wurde auf ein Waffengestell geworfen, aus dem mehrere Speerspitzen standen.

Ihre Puppe sollte das gleiche Schicksal am Eisenzaun der Nordbank erleiden. Da dies unser Wagen war, mussten wir bei der schauerlichen Tat mithelfen. Als die Strohpuppe auf dem Eisengitter hing, wurde an ihr gezerrt, bis die Puppe in Fetzen ging, während alle Norbarden ermahnt wurden, dass man weder Ehre noch Heimat kaufen kann und Gold den Charakter verdirbt.

Am Redaktionshaus der Festumer Flagge wurde die vorletzte Hinrichtung vorgenommen. Robanjin Gai-Cadi, dem maraskanischen Zopftropf und Giftmörder, der sich immer grün anmalte wie ein krankmachender Grashüpfer, wurde per Metalltrichter ein heiß schäumendes Wurzelgebräu in den Rachen gegossen, woraufhin er sich von innen her aufgelöst haben soll, sodass ihn vier Mann zerreißen konnten.

Seine Puppe war mit braunstichigen, schimmelnden Gemüseabfällen behängt. An ihren Gliedmaßen wurde ein Tauziehen in vier Richtungen veranstaltet, bis die Puppe zerriss und alle auf den Hintern landeten. Währenddessen ermahnte man alle Maraskaner, sich leise und ordentlich zu verhalten, und die zwölfgöttliche Ordnung zu achten.

***

Ohne weitere Störungen kamen wir am Alten Markt an. Hier sollte es zum Abschluss des Zuges kommen und zur letzten symbolischen Hinrichtung, die von Atmaskot. Doch davor sollte der Sennenmeister Gernot von Halsingen eine Ansprache halten.

Er begann eine flammende Predigt  über Tapferkeit und Patriotismus, zu der Timpski an den passenden Stellen zur Untermalung auf die Trommel schlug. Doch diese Rede fand nicht bei jedem der Zuhörer auf Begeisterung. Hagen machte mich darauf aufmerksam, dass sich in der Menschenmenge um uns eine Gruppe von Goblins, Norbarden und Thorwalern nach vorne drängte. Sie umstellten uns. Gleich geht es los, flüsterte mir Hagen zu.

So kam es auch. Mit lautem Gebrüll stürzten die Verspotteten auf uns zu und versuchten im Besitz der Trommel zu kommen. Es entwickelte sich ein Handgemenge. Es wurde geschubst, gestoßen, geschlagen und gebissen. Doch wir konnten verhindern, dass die Störenfriede an die Trommel kamen. Sie konnten aber verhindern, dass der Umzug erfolgreich beendet werden konnte. Den Wagen mit der Atmasköter Strohpuppe wurde von Goblins gestohlen. So konnte der Thorwaler Pirat nicht hingerichtet werden.

***

Das versprochene Essen in der Garnison für die Ordnungskräfte gab es danach trotzdem. Ich nahm aber nicht daran teil. Ich holte meinen Sold ab und verschwand dann in der Elchschaufel.  Als Hagen nach dem Essen unter unsere Bettdecke schlüpfte, stellte ich mich schlafen. Ich hatte keine Lust, darüber zu reden. Auch für andere Aktivitäten war ich nicht in Stimmung. Am nächsten Tag verließen wir Festum. Drei Wochen später erhielten wir eine Nachricht von Großherzog Jucho von Dallentin und Persanig. Dieser bat uns nach Festum zu kommen, da er einen Auftrag für uns hätte. Wir beschlossen die Nachricht zu ignorieren. Einige Wochen später hörten wir, dass die Thorwaler Trommel gestohlen wurde und nicht mehr wiedergefunden wurde. Um ehrlich zu sein freute ich mich darüber, dass dieses abscheuliche Instrument aus Menschenhaut, verschwunden ist.


Golgolgol

Golgolgol heißt im wirklichen Leben Stefan Will. Mitte der 80er Jahre schenkte ihm sein großer Bruder seine DSA-Box, da er lieber D&D spielte. Während seiner gesamten Schulzeit war Stefan begeisteter Rollenspieler und probierte verschiedene Systeme aus. Nach der Schulzeit ebbte das Interesse am Rollenspiel-Hobby ab. Nach einer langen Pause fand er 2020 das Interesse an Pen&Paper wieder. Da er es von früher gut kannte, begann er wieder mit DSA, auch wenn er über die Veränderungen im Lauf der Jahre sehr erstaunt war. Mit einem Mitspieler erfand er die Stadt Norisburg, die zur Heimat ihrer Spielfiguren werden sollte. Hier im Blog berichtet Stefan von Spielrunden und teilt seine Gedanken zu P&P-Themen mit.

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