Himmelsfeuer

(ein Abenteuer von Alex Spohr aus der Anthologie “Verräter und Geächtete”)

Theria sah zum Himmel. Sie spürte, dass ihr Herr auf sie hinabschaute. Er hatte in ihren Träumen zu ihr gesprochen und die güldene Zeit angekündigt. Doch zuvor musste sie die Weichen stellen. Es war ihre Aufgabe, dass ihr Herr die Ketten seiner Gefangenschaft sprengen konnte. Sie war das Werkzeug seines Willens. Sie allein! Niemand sonst!

Alles war vorbereitet: sie hatte dem Schneider das Ornat des Fischpriesters abgeschwatzt und ihn beseitigen lassen. Ihre Lakaien hatten bereits einen Fuhrwagen organisiert und sie selbst wartete, dass sich endlich das Zeichen offenbarte. Nicht mehr lange und sie und ihr Herr würden endlich die alte Ordnung einreißen und ihre neue errichten. Finsternis würde sich über Menschen und Götter legen und sie würde ihren verdienten Lohn erhalten. Endlich.

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Havena ist die Hauptstadt des Fürstentums Albernia, einer ganz im Westen gelegenen Provinz des Mittelreichs. Die Havener sind freiheitsliebend und dem Meer auf eine besondere Weise verbunden. Schließlich ist Efferd der Schutzgott der Stadt. Vor etwa dreihundert Jahren überschwemmte der Meeresgott Havena wegen eines Frevels und dem Hochmut seiner Bewohner. Noch heute ist die Unterstadt seit dem sogenannten Tag der Großen Flut überschwemmt und verflucht. Die Havener werden jeden Tag daran erinnert, können sie doch die aus dem Meer ragenden Türme der Unterstadt sehen – als unheilvolles Mahnmal. Trotzdem erfreut sich Efferd großer Beliebtheit, glauben die Bürger doch, dass er ihnen verziehen hat. Andere wiederum nehmen an, dass eine weitere Katastrophe kurz bevorsteht. Havena ist in zwei Stadtvierteln unterteilt, er Altstadt und die Neustadt. Die Altstadt existierte bereits zur Zeit der Großen Flut. In den Altstadt-Vierteln leben die einfachen und ärmeren Bürger der Stadt. Die Neustadt ist der Wohnort der Reichen und Mächtigen. Hier wohnen die, die es sich leisten können. Das Stadtviertel ist noch nicht sonderlich alt und wurde erst nach der Großen Flut errichtet.

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Wenn wir nicht gerade Mordfälle aufklärten, Landstriche von Hexern befreiten oder Diebe fingen, verbrachten wir unsere Zeit damit, Botschaften von einer Stadt zur nächsten zu transportieren oder Handelskarawanen zu beschützen. Diesmal heuerten wir als Begleitung für eine Schiffsladung an. Dies führte uns in die Hafenstadt Havena. Dort wollten wir zwei oder drei Tage entspannen, bevor wir uns einen neuen Auftrag suchten.

Abends verschlug es uns in die Taverne Die Schatzinsel. Ich hatte schon besseres Bier getrunken, doch die Gaststätte war aus einem anderen Grund besuchenswert. Überall im Schankraum konnte man Fundstücke und kleine Schätze begutachten, die der Wirt Waern Poschrat im Laufe seines abenteuerlichen Lebens angesammelt hatte. Auf den ersten Blick fiel uns eine mohische Götzenstatue, ein maraskanischer Diskus, ein Thorwalerschild und das Horn einer riesigen Meereskreatur auf. Zu jedem Gegenstand konnte der Wirt eine spannende Geschichte erzählen und es verging kein Abend, an dem er das nicht auch tat. Zum Glück hatte er noch eine Handvoll Schankmaiden und –burschen eingestellt, sodass während seinen Erzählungen seine Gäste keinen Durst leiden mussten.

An diesem Abend war die Taverne gut besucht. Wir hatten das Glück den letzten freien Tisch zu ergattern, den uns der hübsche, elfengleiche Schankbursche zugewiesen hatte. Das Essen war herzhaft, die Bierbecher halbwegs sauber und eine Bardin fing an, auf ihrer Flöte zu spielen, und trug eine Melodie aus dem Seenland vor.

Zum Vortrag der Bardin hatte sich eine rothaarige, mollige Frau und ein schlaksiger Alter erhoben und tanzten zur Musik. Die Stimmung in der Taverne war ausgesprochen gut und viele Gäste klatschten im Rhythmus mit. Die Rothaarige schien ein wenig zu tief in ihren Weinbecher geschaut zu haben, denn sie hatte große Gleichgewichtsprobleme beim Tanzen. So betrunken schien sie mir aber vor dem Tanz gar nicht. Ihr Tanzpartner schien aber ebenfalls zu schwanken.

Hagen meine erst, er hätte es sich nur eingebildet. Aber als er genauer hinsah, fiel ihm auf, dass er sich nicht getäuscht hatte. Mein Bierbecher hatte sich leicht bewegt. Er vibrierte und bewegte sich langsam auf die Tischkante zu. Schnell griff Hagen danach, um zu verhindern, dass der Becher hinunterfiel. Erschrocken sahen wir uns an. Was ging hier vor?

Auch war es auffällig, dass es für die Tageszeit noch sehr hell draußen war. Durch die Fenster drang viel Licht von außen ein. Eigentlich hätte es schon stockfinster sein müssen. Hagen und ich verließen die Taverne, um zu sehen, was der Grund hierfür war.

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Die Menschen auf der Straße sind entweder in Schockstarre verfallen, fingen an zu rennen und zu schreien oder sanken auf die Knie und beteten. Jemand rief: Wir haben Efferd gefrevelt, der letzte Tag ist gekommen!

Ein Blick auf den Himmel verriet mehr. Blaues Licht durchbrach die düstere Wolkendecke über der Stadt, und machte den Weg frei für ein vom blauen Feuer umhüllten Stein. Ein gigantischer Feuerball, der mit lautem Rauschen auf die Stadt zuhielt. Es schien kein Entkommen, kein Entrinnen zu geben.

Ein kleines Mädchen stand auf der Straße und weinte. Sie war völlig verängstigt, da ihre Eltern verschwunden sind. Sie wohnte aber nicht weit weg und ich brachte sie nachhause. Nachdem ich geklopft hatte, öffnete sich kurz die Haustür und das Mädchen wurde schnell von ihren Eltern in das Haus hineingezogen. Dann schloss sich die Tür wieder.

Hagen versuchte ein scheuendes Pferd zu beruhigen. Doch das Pferd ging durch, schlug mit seinen Hufen aus und Hagen landete auf der Straße. Das Pferd galoppierte davon.

Ein Wohnhaus mit einem Kamin wurde durch die Kraft des Meteors schwer beschädigt und der Kamin drohte einzustürzen. Bruchstücke könnten auf die junge Gardistin fallen, die gerade dabei war, die Straße von den Menschen zu räumen und für Ordnung zu sorgen. Auf meine Rufe reagierte sie nicht.  Ich versuchte zu ihr zu rennen und sie wegzustoßen. Mir gelang es noch, sie rechtzeitig wegzuziehen. Knapp neben uns landeten die herabstürzenden Trümmer.

Hagen hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt und suchte die nächste Möglichkeit zu helfen. Er sah eine Frau, die sich in den Trümmern eines eingestürzten Hauses abmühte. Als er näher kam, sah er, dass wohl ihr Mann in den Trümmern eingeklemmt war. Er eilte zu ihr, und half ihr, ihren Mann aus den Trümmern hervorzuholen.

Ich hörte das ängstliche Schluchzen eines Kindes. Ein Junge klammerte sich verzweifelt an ein noch stehendes Mauersegments eines Hauses fest. Er schien dort hochgeklettert zu sein, doch dann stürzte es ein. Nun traute er sich nicht mehr hinunterzuklettern. Ich kletterte hoch und holte den Jungen runter.

Der Meteor hatte Havena nicht getroffen. Irgendwo südöstlich der Stadt ist er eingestürzt. Die Bürger waren sehr aufgeregt. Aber als ihnen klar wurde, dass die Stadt dieses Mal von der Katastrophe verschont blieb, machte sich Dankbarkeit gegenüber den Göttern breit. Auch die Leute, denen wir geholfen hatten, bedankten sich bei uns.

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Gepriesen sei Efferd, gepriesen seien die Zwölfe, sprach uns eine junge Frau im Gewand eines Efferd-Priesters an. Wisst ihr, was eben auf uns zugeflogen kam?

Natürlich wusste ich, was das war. Der Meteor war ein großer Gwen Petryl-Stein. Bei diesen Steinen handelt es sich um Teile von Alveran, der Festung der Götter. Während der Gigantenkriege sollen die Feinde der Götter eine Bresche in die Mauer geschlagen haben und Trümmer fielen als Gwen Petryl-Steine auf Dere hinab.  Diese Legende erklärt jedoch nicht, warum noch immer, wenn auch selten, Leuchtsteine vom Himmel herabfallen. Die Ingerimmkirche behauptet, dass die Bresche, die die Giganten geschlagen haben, noch immer repariert wird. Bei den Bauarbeiten kann es gelegentlich vorkommen, dass sich weitere Bruchstücke lösen. Die Sekte der Ilaristen hält diese Sage jedoch für falsch. Die Gwen Petryl-Steine sollen nichts anderes sein, als Teile der Wandelsterne, die sich durch die schwindende Macht der Götter abgelöst haben und dann auf Dere fallen.

Es liegt nahe, dass die Steine allen Zwölfen als heilig gelten müssen, stammen sie doch der Legende nach aus Alveran. Die Kirche des Efferd genießt jedoch seit Jahrhunderten ein besonderes Anrecht auf die leuchtenden Steine. Für sie sind sie Gaben Efferds, da sie fast immer an Ständen gefunden werden. Die Leuchtkraft der Steine hängt von deren Größe an. Ein fingerkuppengroßer Stein leuchtet kaum, während ein faustgroßer Stein etwa halb so hell wie eine Fackel ist. Nicht alle Fundstücke dürfen Zwölfgöttergläubige jedoch für sich behalten. Kopfgroße und größere Steine müssen der Efferdkirche übergeben werden. Eine Missachtung wird mit mehreren Jahren Kerkerhaft bestraft.

Mein Name ist Theria von Winhall, stellte sich die Geweihte vor. Ihr habt recht. Das war ein Gwen Petryl-Stein, der knapp an Havena vorbeiflog. Keine andere Kirche hegt einen derart großen Anspruch wie die meine auf diese Steine. Ich habe euch beobachtet, wie ihr den Leuten geholfen habt. Das hat mich beeindruckt Ich habe ein Fuhrwerk und zwei Diener, mit denen ich den Stein bergen will. Doch die Sümpfe, in denen der Stein abstürzte, sind ein gefährliches Gebiet und bald werden noch mehr Leute sich auf die Suche nach dem Stein begeben. Es wäre nicht schlecht, wenn wir bewaffneten Schutz dabei hätten. Wollt ihr mir im Namen Efferds und seiner Geschwister helfen?

Hagen und ich wechselten kurz ein paar Worte. Hagen neigte nicht dazu, einen Auftrag abzulehnen. Also nahmen wir auch diesen an.

Ich spüre es, es ist kein Zufall, dass mich Efferd zu euch geleitet hat wie einen Fluss ins Delta. Folgt mir! Wir werden gleich aufbrechen.

***

Theria führte uns zu ihrem Karren. Ihre zwei wortkargen Helfer warteten auf uns. Wir stiegen auf den Wagen und wollten die Stadt durch das Südtor verlassen. Doch das Tor war geschlossen. Die Wachen hatten die Anweisung, niemanden aus der Stadt hinauszulassen. Doch als Theria darauf hinwies, dass sie eine Geweihte des Efferds sei und auf dem Weg ist, den Gwen Petryl-Stein zu bergen, ließen uns die Wachen durch.

Die als Muhrsape bekannte Moorlandschaft um Havena ist kein besonders einladender Ort. Gerade in der Nacht kann es dort zu unliebsamen Begegnungen mit Sumpflöchern oder wilden Tieren kommen. Doch ein Aufschub der Suche kam nicht infrage. Laut Theria mussten wir uns beeilen, um als Erstes den Stein zu bergen. Es werden sicherlich noch Schatzjäger sich auf die Suche nach dem Stein befinden, die den Stein entweder gegen Entgelt an die Kirche oder einen Hehler verkaufen wollten.

Nach sieben Stunden, es muss wohl drei Uhr nachts sein, erreichten wir den Einschlagsort. Ein leichtes Leuchten führte uns dort hin. Der Geruch nach verbrannten Bäumen wurde stärker, je mehr wir uns dem glimmernden Leuchten näherten. Doch während wir uns auf dem sumpfigen Boden immer näher an die Absturzstelle heranwagten, rochen wir noch etwas anderes. Ein leicht übler riechender Verwesungsgeruch, der von dem Rauch überlagert wurde, aber nun gut riechbar war. Als wir darüber nachdachten, was das zu bedeuten hatte, brach von der linken Seite, nur wenige Schritte vor uns, eine schwarze Gestalt hervor, groß wie ein Ochse, mit einem langen Echsenschwanz und einem großen Maul mit spitzen Zähnen.

Dieses drachenähnliche, furchtbar stinkende Wesen war wohl ein Grubenwurm. Wir hatten ihn offenbar gestört. Er griff uns an. Theria und ihre Lakaien hielten sich aus dem Kampfgeschehen heraus. Aber wir konnten uns auch ohne ihre Hilfe den Klauen und Zähnen des Biestes erwehren.

Als es darum ging, den Gwen Petryl-Stein zu bergen, halfen uns die Lakaien aber. Mit vereinten Kräften brachten wir den kindskopfgroßen Stein auf die Ladefläche des Wagens. Wir deckten diesen mit einer Plane zu, damit sein Schimmern keine Schatzsucher anzieht.

Nach Erledigen der Arbeit wandte sich Theria uns zu: ER hat mir gezeigt, welche Zukunft mich erwartet. Und ihr seid kein Teil dieser Zukunft.

Ihre Lakaien griffen uns an. Mit ihren Streitkolben schlugen sie auf uns ein. Einer von ihnen kämpfte wie im Rausch. Als wäre er verzaubert worden. Er bereitete Hagen große Probleme und traf ihn einige Male ernsthaft. Sein Kumpane wollte nach einigen Treffern fliehen, doch als er uns den Rücken zudrehte, sank er unter meinem Florett zu Boden. Auch wenn es schwierig war, zwangen wir mit gemeinsamen Kräften den Berserker nieder. Theria war in der Zwischenzeit verschwunden.

***

Nach unserem Sieg versorgte ich erst einmal Hagens Wunden. Ich wickelte einen Verband um seinen lädierten Arm und gab ihm einen Heiltrank. Nachdem es ihm wieder besser ging, machten wir uns auf, Theria zu verfolgen. Sie hatte uns getäuscht. Sie war keine Efferdgeweihte. Ihren letzten Worten nach verehrte sie eher den Gegenspieler der Zwölfgötter, den Namenlosen. Doch was hatte sie mit dem Stein vor? Ging es ihr nur um den Reichtum oder diente er ihr zu einem Namenlosen Ritual? Egal, was sie plante. Wir mussten das verhindern.

Mit dem Fuhrwerk hinterließ sie deutliche Spuren im Sumpf. Durch das zusätzliche Gewicht war sie auch langsamer unterwegs. Sehr viel Zeit hatten wir nicht verloren, also müssten wir sie noch einholen können.

Es dauerte wirklich nicht lange, bis wir sie fanden. Wir entwickelten einen Kampfplan. Hagen wollte sich an das Fuhrwerk heranschleichen, auf dem Wagen springen und Theria in den Nahkampf verstricken. Ich sollte sie erst mit meinen Wurfdolchen und Wurfsternen angreifen und dann Hagen zur Hilfe eilen.

Hagen schaffte es, sich ihr unbemerkt zu nähern. Mit einem gezielten Faustschlag beförderte er sie vom Kutschbock herunter. Dann zog er seine Schwerter. Es sah so aus, als würde sie ein Gebet vorbereiten. Doch mein Wurfstern und Hagens Klingen waren schneller als ihr Gott. Als wir sie durchsuchten, fiel uns auf, dass ihr Efferdbart, die Standardwaffe der Geweihten des Meeresgottes, gar kein Efferdbart war, sondern nur ein gewöhnlicher Dreizack. Außerdem fehlte ihr ein Zeh. Selbstverstümmelung war ein Anzeichen für die Verehrung des Namenlosen Gottes. Sie diente also in Wirklichkeit den Dreizehnten Gott, und nicht den Gott des Meeres.

***

Einige Stunden später kamen wir beim Südtor Havenas an. Wir informierten die Gardisten über unsere Erlebnisse. Diese beschlagnahmten unseren Wagen. In ihrem Wachhaus mussten wir auf einen Efferdgeweihten warten. Dieser bestätigte, dass Theria ihm unbekannt sei und nicht seiner Kirche angehörte. Er bedankte sich bei uns dafür, dass wir den Stein geborgen hatten und dafür sorgten, dass dieser bei der Efferdkirche landete. Wir sollten in den nächsten Tagen den Efferdtempel aufsuchen. Dort würde man uns für die Abgabe des Steins entlohnen. Die Kirche zeigte sich auch wirklich großzügig. Allerdings gaben wir einen großen Teil unserer Belohnung aus, um kleinere Gwen Petryl-Steine zu kaufen, die wir zu Stäben verarbeiten ließen. Diese künftig als Lichtquellen zu nutzen, schien uns sinnvoller, als auf Fackeln zurückzugreifen.


Golgolgol

Golgolgol heißt im wirklichen Leben Stefan Will. Mitte der 80er Jahre schenkte ihm sein großer Bruder seine DSA-Box, da er lieber D&D spielte. Während seiner gesamten Schulzeit war Stefan begeisteter Rollenspieler und probierte verschiedene Systeme aus. Nach der Schulzeit ebbte das Interesse am Rollenspiel-Hobby ab. Nach einer langen Pause fand er 2020 das Interesse an Pen&Paper wieder. Da er es von früher gut kannte, begann er wieder mit DSA, auch wenn er über die Veränderungen im Lauf der Jahre sehr erstaunt war. Mit einem Mitspieler erfand er die Stadt Norisburg, die zur Heimat ihrer Spielfiguren werden sollte. Hier im Blog berichtet Stefan von Spielrunden und teilt seine Gedanken zu P&P-Themen mit.

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